Heimweh – wonach?

Heute stolperte ich über ein Gedicht von Mascha Kaléko und möchte es hier kurz vorstellen.

Mascha Kaléko
HEIMWEH, WONACH?

Wenn ich »Heimweh« sage, sag ich »Traum«.
Denn die alte Heimat gibt es kaum.
Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel:
Was uns lange drückte im Exil.
Fremde sind wir nun im Heimatort.
Nur das »Weh«, es blieb.
Das »Heim« ist fort.

 

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Nachtspaziergang am Meer

Nachtspaziergang am Meer

Die Nacht ist laut und lau.
Geruch von Meer und von Urin.
Eine Straße voller Wirbel,
sie und er darin.

Nicht dass da Ruhe wäre
in den Herzen, nein.
Nur Spannung, nur Denken,
ein jeder allein.

Und doch zusammen verflochten so eng,
ohne Worte verschmolzen.
Das Starren der Leute gerne verdrängt
in der Schwüle des Moments.

Und dann das Gehen am Strand,
Dunkelheit und der Wellen Schimmer.
Im Mondlicht nun Hand in Hand
und getrennt für immer.

Mit verschiedenen Sprachen ein Hauch
von Verstehen. Mehr ahnen
als wissen. Und doch: Warum auch?
Nur hier ist jetzt, und dann – vorbei.

Sie sitzen zusammen, ganz nah.
Auf den Schuhen, denn die Steine
sind nass. Fast wie die Augen.
Glück? Zeit? Fragen?

Für zwei ohne Chancen
ein großer Moment.
Er muss genügen für lange Zeiten.
Und überstehen viele Schmerzen.

Als sie dann gingen, verlor die Zeit
ihren Kampf. Sie war nicht mehr wichtig.
Sie existiert nun nicht mehr.
Sowieso- es gibt keine Wiederkehr.

©Michael Kalters

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Star und Fan

Niemand ist verstehend,
auch kein Ich,
keiner ist begreifend
was kommt da über mich?

Lichterstäbe vor dem Schwarz.
Tropfen auf den Scheiben.
Fremdheit gewaltig im Dunkeln
lässt mich nicht bleiben.

Hundertmal mit dir gesungen
doch du kennst mich nicht.
Tausendmal das Lied mit dir
und ich hab doch kein Gesicht.

Hand erhoben, lachend der Mund.
Ist nicht alles nur gelogen?
Wimpernschläge für Millionen,
doch mich hast du betrogen.

Bleibt für mich das Dunkel.
Mitleidlos das Feuer frisst.
Du glänzend stehst im Licht.
Gelogen mir die Nächste bist.

©Michael Kalters 2017

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Undank

Undank

Wer in der Welt zu prahlen weiß,
Der trägt davon den Ehrenpreis;
Doch wer im stillen Gutes schafft,
Und daran setzt die ganze Kraft,
Den tritt als hochwillkommnen Raub
Die Menge achtlos in den Staub. —

Gertrude Triepel (1863-1920)
Aus der Sammlung Die Menschen und wir

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Auf einem Café-Tisch gekritzelt

Auf einem Café-Tisch gekritzelt

(1933) von Mascha Kaléko

Ich bin das lange Warten nicht gewohnt,
Ich habe immer andre warten lassen.
Nun hock ich zwischen leeren Kaffeetassen
Und frage mich, ob sich dies alles lohnt.

Es ist so anders als in früheren Tagen.
Wie spüren beide stumm: das ist der Rest.
Frag doch nicht so. – Es lässt sich vieles sagen,
Was sich im Grunde doch nicht sagen lässt.

Halbeins. So spät! Die Gäste sind zu zählen.
Ich packe meinen Optimismus ein.
In dieser Stadt mit vier Millionen Seelen
Scheint eine Seele ziemlich rar zu sein.

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Abschied ist ein Sterben

Abschied ist ein Sterben

Als ich dich traf
war jede Träne eine Melodie
auf dem Weg
des Sterbens.

Deine Schwermut löste
mich im Innern auf
und trennte messergleich
mein Herz in tausend Scheiben.

Dort, wo dein Lächeln
schließlich alles wieder
heilen und verbinden sollte,
vorwurfsvolle Augen nur.

Da sah ich plötzlich auch
die tiefen Furchen
in deinem vollkommenen Gesicht
und die zerbroch’nen Träume.

Ein Teil von dir wäre ich
aus ganzer Seele
und von Herzen gern,
zum Sterben und zum Leben auch.

Der Puls deines Lebens
und die Stärke
deiner Leidenschaft
reißen mich nieder zum Boden.

Wir verweilen nicht mehr.
Umsonst ist alles
Empfinden für dich
und deines für mich.

Alleine und mit eigner Qual
stirbt jeder seinen Tod für sich.
Einmal noch umarmt sind wir eins
im letzten aller Augenblicke.

©Michael Kalters

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Begegnung

Begegnung

Ich lief auf der Straße
vorbei am Hafen
und sah eine Frau,
wie sie mürrisch blickte.

Der Wind wehte ihr Haar
in Wogen ins Gesicht
und zog kalt
an ihrem dünnen Kleid.

Ich ging vorbei und vergaß
die mürrisch Blickende
mit ihrem Haar
im unglücklichen Gesicht.

°°°

Ich spaziere auf der Straße
unten am Hafen
und probe im Kopf
einen meiner Songs.

Ein Mann im Wind blickt
sehr mürrisch auf mich
und mir wird kalt
in meinem dünnen Kleid.

Ich werde singen für Leute
die wie er sind,
alles abschätzend wissend,
damit es ihnen warm wird.

©Michael Kalters

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Der Sprung ins Meer

Der Sprung ins Meer

 

Als der Mond das Wasser küsste
um wenig später zu versinken
in der Flut. So als müsste
er für immer drin ertrinken,
sprang ich ihm dann hinterher.
Die Müdigkeit war grenzenlos
Und die Seele nur noch leer.
Flüchten in des Meeres Schoß!
Das Wasser drang und nahm
Die Luft zum Atmen mit Gewalt.
Die Glieder wurden lahm
Und alles in mir kalt.
Und kurz bevor das Leben
mit Hohn und Spott dann wich
sah ich den Mond erheben
so gelb und hämisch sich.
Ein falscher Freund, mit Lüge
er mich in die Falle zog!
Jetzt spür ich die Intrige!
Zu spät! Da ist der Tod.

©Michael Kalters

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Sterben ist ein’ schwere Buß

Sterben ist ein schwere Buß (Volkslied 1795)

Sterben ist ein schwere Buß,
weiß wohl, dass ich sterben muss.
Und ein Röslein rosenrot
pflanzt mein Schatz nach meinem Tod.

Auf den Kirchhof wollt ich gehn,
tat das Grab schon offen stehn,
und das Grab war schon gebaut,
hab es traurig angeschaut.

War wohl sieben Klafter tief,
drinnen lag ich schon und schlief.
Als die Glock‘ hat ausgebraust,
gingen unsre Freund‘ nach Haus.

Sterben ist ein harte Pein,
wenn’s zwei Herzallerliebste sein,
die des Todes Sichel schneidt,
ach, das ist das größte Leid.

Denn was hilft ein Blümelein,
wenn es heißt ins Grab hinein!
Ach, was hilft ein Röslein rot,
wenn es blüht nach Liebes Tod!

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