„Die Einladung“ aus“Seelen im Aufbruch“

aus: Seelen im Aufbruch

Kurze Bemerkung:
Rainer Burghaus ist mit Tabea befreundet, die sich zur Zeit im Urlaub befindet. Tabeas Freundin Mai Thi Trung lädt Burghaus zum Abendessen bei vietnamesischen Freunden ein.

Die Einladung

Nach einer intensiven Dusche fühlte sich Rainer Burghaus wieder etwas belebt und verspürte Neugier auf den heutigen Abend. Er würde Menschen aus einer anderen Kultur kennenlernen. Hier empfand er keine Scheu, keinen Anflug von Panik. Er kleidete sich wieder in Schwarz und war gerade fertig mit seiner Toilette, als es klingelte. Am Haustelefon meldete sich Mai: „Hallo Rainer, ich warte unten!“, sagte sie und damit war das Gespräch auch schon beendet. Burghaus war es recht. Er schloss ab und ging die Treppen hinunter. Draußen begrüßte er seinen Gast: „Hallo Mai, freut mich. Lass uns vor die Einfahrt laufen.“ Mai wunderte sich etwas, folgte ihm aber. Da sah sie auch schon das Taxi stehen. „Wir fahren mit dem Taxi? Ist das nicht zu teuer?“, meldete sie spontan ihre Zweifel an. „Nein. Das geht in Ordnung. Ich denke doch, dass deine Freunde auch etwas Ordentliches an alkoholischen Getränken anbieten können?“, lachte er ihr zu. Mai verstand und nickte lächelnd.

Sie stiegen ein und Mai nannte dem Taxifahrer eine Adresse. Währenddessen blickte Burghaus die Frau an seiner Seite etwas näher an. Er hätte nicht sagen können, welche Kleidung sie trug, er sah nur ihre dünnen Fesseln, die zwischen den Hosenbeinen und Turnschuhen nackt hervorschienen. Dieses Stückchen nackte Haut stand im krassen Gegensatz zur sehr flauschig-warmen Jacke, die sie trug. Was er wirklich interessant fand, war ihr filigranes und ebenmäßiges Gesicht. Die dunklen Augen, die flache Nase, der sinnliche Mund mit den weißen strahlenden Zähnen- das alles versprühte Exotik pur. Nicht, dass ihm asiatische Menschen fremd gewesen wären. Aber Mai war ganz sicher eine Schönheit, eine sehr erotische Frau.

„Tabea hat mir Bilder geschickt!“, freute sich Mai ungekünstelt. „Sie fühlt sich etwas überfordert von der ganzen Power unserer Kultur.“ Hier musste sie lächeln. „Das kann ich verstehen. Als ich nach Deutschland kam, ging es mir auch so, nur umgekehrt. Alles hier war abends wie ausgestorben, niemand mehr auf der Straße, kein Leben, kein Puls. Ich war die erste Zeit todkrank vor Traurigkeit.“

„Wie geht es dir heute? Hast du dich an die Lebensart hier anpassen können?“ Ob sie ihre Heimat vermisste, musste Burghaus nicht fragen.

„Ja, es hat auch viele Vorteile. Mittlerweile genieße ich die gute Luft und die Ruhe bei einem Waldspaziergang.“ Dabei lächelte Mai versonnen, wahrscheinlich hatte sie gerade sonnigere Tage vor ihrem inneren Auge erstehen lassen.

Burghaus beschäftigte etwas anderes: „Ich bin neugierig. Du hattest gesagt, dass du Informatik studiert hast. Interessiert dich dieses Thema immer noch?“ Mai sah ihn aus ihren hübschen Augen groß und direkt an. Dann, nach einigem Überlegen, erklärte sie etwas wehmütig: „Ich liebe alles, was mit der Verarbeitung von Daten zu tun hat. Darauf wollte ich mich eigentlich spezialisieren: Datenbankprogrammierung, Entwicklung von Suchalgorithmen und so etwas.“

„Bist du noch in Übung?“, wollte Burghaus wissen.

„Naja“, antwortete Mai etwas zögerlich, fuhr dann jedoch selbstbewusster fort: „Ich programmiere noch hin und wieder zum Spaß. Es gibt auch kostenlose Onlinekurse. Diese absolviere ich meistens, wenn es meine Zeit erlaubt. Warum fragst du?“

„Es interessiert mich. Ich arbeite auch- unter anderem- in diesem Bereich.“ Dass er Personalbefugnis hatte, erwähnte er nicht. Aber er war ständig auf der Suche nach guten und fähigen Leuten. So viele, die ein abgeschlossenes Studium vorweisen konnten, waren auf Grund mangelnder Einsatzfreude und festgefahrenen Denkens für seine Abteilung ungeeignet. Er brauchte Köpfe, die jung geblieben waren, unkonventionell dachten und stets dazulernen wollten. Hatte er in Mai so einen Kandidaten gefunden? Es würde schwierig werden, das festzustellen. Burghaus wollte keine falschen Hoffnungen wecken, nicht mit ihren Gefühlen spielen. Der ausgeübte Beruf eines Menschen ist fester Bestandteil seines Lebens, formt und gestaltet das kurze Leben. Macht glücklich oder ist eine Belastung. Er musste sensibel vorgehen.

Mittlerweile hatten sie eine der hässlichen Gegenden Geiselbergs erreicht. Jede Stadt hat solche Viertel, deren Architekten und Baugestalter man fristlos hätte entlassen sollen.

Quaderförmige Einheitshochhäuser verbreiteten Monotonie und Kälte. Burghaus griff unauffällig in seine Hemdtasche und drückte eine kleine Pille aus einem Streifen heraus. Das Diazepam würde seine Panik dämpfen. Nicht die räumliche Enge belastete ihn, er befand sich ja immer noch im Taxi auf der Straße. Nein. Aber er konnte die Hunderte von Menschen spüren, die hinter den Wänden weggesperrt waren. Genauso gut hätte er sich auf einem überfüllten Weihnachtsmarkt durch die Massen zwängen können, es wäre dasselbe Gefühl gewesen.

Die kleine bittere Tablette hing im Hals fest und verursachte einen unbändigen Hustenreiz. Sprechen war nicht mehr möglich. Durch autosuggestive Methoden war es ihm möglich, den Hustenreiz in den Griff zu bekommen und weiter zu atmen. Allerdings wurde sein Gesicht vor Anstrengung knallrot, sein Puls schlug heftig und Schweißtropfen bahnten sich Wege über seine Stirn. Die Panik war da.

Etwas Gutes hatten diese plötzlichen Panikattacken in Burghaus‘ Augen: Dadurch wurde er sich stets bewusst, dass er Grenzen hatte, dass er sich auf gar nichts etwas einbilden konnte in seinem Leben. Er konnte im Job gut sein, er konnte der Beste sein, was nutzte es, wenn er inmitten von Menschengruppen zu einer Erbärmlichkeit zusammenschrumpfte? Lea hatte dies erkannt, als sie ihn als „langweilig“ und „zögerlich und introvertiert“ bezeichnet hatte. Den Rest seines Selbstbewusstseins hatte sie mit sich genommen, als sie sich getrennt hatten. Der Job hatte da in keiner Weise geholfen.

„Wir sind da!“ Mais helle Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sie stiegen aus, er zahlte und lies sich die Visitenkarte des Taxiunternehmers geben. Schließlich wollte er ja auch wieder nach Hause gelangen.

Mai ging voran, sie stieg die Stufen zum Eingang des grauen Hochhauses empor. Die äußere Haustüre war offen und sie gingen hinein. Ein enger Hausflur umschloss beide, rechter Hand bildeten die Briefkästen ein Spalier. Links und rechts der inneren Tür befanden sich unzählige Sprechanlagen. Burghaus fing an, seine Entscheidung zu bereuen. Er hätte der Einladung nicht zustimmen dürfen. Die herumliegenden Papierfetzen, die zum Teil überquellenden Briefkästen, die vielen unbeschrifteten Klingelschilder- all das machte einen verwahrlosten und abstoßenden Eindruck.

Mai drückte auf einen Klingelknopf, Burghaus konnte den Namen nicht erkennen, er stand zu ungünstig. „Hallo?“, ertönte es blechern aus dem Lautsprecher der Anlage. „Ich bin es, Mai!“ Der Türöffner summte und Burghaus folgte Mai. Es gab keinen Fahrstuhl, beide stiegen die grauen Betontreppen hoch, die sich durchs Haus wanden wie eine Schlange. Die allermeisten Türen hatten kein Namensschild, nur die herausgestellten Schuhe zeugten davon, dass hinter der Tür irgendjemand einquartiert war. „Seltsam“, dachte Burghaus, „für Tiere verlangt man geeignete Unterkünfte, genug Luft und Platz. Und wie stand es mit den Menschen hier? Das waren Käfige, Zwangsunterkünfte, Brutplätze von Aggressionen und Asozialität.“

Langsam ging ihm die Luft aus. Zum Glück stieg Mai nicht allzu schnell die endlosen Treppenstufen hinauf. Auch sie schnaufte. Endlich, es musste der vorletzte Stock des Gebäudes sein, blieb sie vor einer Tür stehen. Am Klingelknopf konnte er den Namen „Nguyen“ lesen, in Bleistift auf Papier geschrieben und außen mit Klebeband angebracht. Zahlreiche Schuhe im Treppenhaus ließen auf eine große Familie oder auf Besuch schließen. Die grauweiße Türe hatte einige Schrammen, als hätte jemand mit dem Hammer darauf geschlagen.

Mai klingelte drei Mal, ein Vietnamese öffnete. Er strahlte und ohne die Hand zum Gruß anzubieten winkte er beide herein. Burghaus schlug feuchte Luft entgegen, die zweifellos aus der Küche herauszog, ebenso wie der strenge Geruch gebratenen Knoblauchs mit Reis, Fischsauce und Gegrilltem. Sein Blick umfasste blitzschnell die Einrichtung. Standardschränke beherbergten Geschirr und Figuren, auf ihnen standen zahlreiche in Folie eingepackte Kartons. Auf einem Ehrenplatz thronte ein sehr beleibter Buddha und grinste Burghaus an.

Gegenüber dem Sofa stand auf einem zerbrechlich wirkenden Holztisch ein riesiger Plasmafernseher, auf dem gerade ein ziemlich lauter Zeichentrickfilm zu sehen war. Das Bild war durch die Proportion des Fernsehers unnatürlich breit gezogen.

Der Hausherr und seine Frau begrüßten die beiden Besucher sehr herzlich, bugsierten sie ins Wohnzimmer und verschwanden sofort wieder in der Küche.

Ein älteres vietnamesisches Ehepaar, beide füllig und sehr freundlich, hatten es sich dort bereits gemütlich gemacht. Sie nickten den Neuankömmlingen lächelnd zu. Mai und die beiden tauschten vietnamesische Worte, die Burghaus nicht begriff. Es war wohl eine Art herzliche Begrüßung. Er drehte sich etwas um.

Plötzlich und unerwartet stand eine schwarz gekleidete junge Frau vor ihm. Sie hatte bisher mit den zwei Kindern im Nachbarzimmer gespielt. Er hatte sie nicht kommen hören.

Es musste eine Türkin sein, oder zumindest sah sie arabisch aus. Ihre Nase war leicht schräg, ihr Mund groß und traurig. Sie hatte wunderschöne melancholische Augen. Das, was Burghaus willenlos machte, war die Art, wie sie sich bewegte. Es war schwer zu beschreiben, aber er erkannte auf dem ersten Blick eine ungeheure Kraft und großes Selbstbewusstsein, was von dieser Überirdischen ausging. Gleichzeitig schien sie etwas Schreckliches erlebt zu haben, ihr Blick und ihre Mundwinkel ließen kaum einen anderen Schluss zu. Und sie schien Pheromone in Unmengen auszustoßen.

Burghaus Inneres war mit einem Mal verwandelt. Ein unbeschreibliches Kribbeln befiel seinen ganzen Körper, es war das angenehmste Gefühl seit Langem. Gleichzeitig analysierte er seine Emotion als gefahrlos, sein Kontroll-Burghaus im Innern erkannte, dass es sich hier um etwas sehr Flüchtiges handelte. Und doch fing er an zu schwitzen. Aber es war angenehm. Es war gigantisch! Sie lächelte schwermütig und nickte ihm wie nebenbei eine Begrüßung zu. Ihre Augen waren weit geöffnet, sie sagte kein Wort. Burghaus sagte sich, dass dies nicht real sein konnte. Das war nur die Chemie zweier Körper. Er fühlte sich so wohl wie lange nicht mehr, kein Anflug von schlechtem Gewissen gegenüber Tabea erwachte in ihm. Er war in einer Art Hypnose. Und er gönnte sich diese intensive Empfindung ohne Reue! Die junge Frau mochte etwas über dreißig Jahre alt sein, sie trug einen knielangen Rock, schwarze dicke Strumpfhosen darunter sorgten für die notwendige Wärme. Die ebenfalls tiefschwarze Bluse hatte einen unergründlichen Schnitt, ein schwarzes Halstuch verdeckte nur halbherzig das Dekolleté. Burghaus fühlte sich auf eine sehr magische Weise zu dieser Frau hingezogen, erkannte aber gleichzeitig, dass dies eine reine Hormonangelegenheit war. Oder irgendetwas anderes, das sich nur schwer erklären ließ. In dem Bewusstsein des Fehlens jeder Dauerhaftigkeit dieses Gefühls genoss er es in vollen Zügen und fühlte sich plötzlich stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Seine Panik war verschwunden.

Mai hatte von alldem nichts gespürt. „Das ist Inci, ebenfalls eine Kollegin vom Kaufhaus, das ist Rainer, der Freund Tabeas“, stellte sie beide gegenseitig vor. Erst jetzt erahnte sie eine gewisse Elektrizität zwischen beiden, hatte aber keine Zeit darüber nachzudenken. „Ich gehe in die Küche und helfe etwas bei den Vorbereitungen. Nehmt schon mal Platz!“

Alleine gelassen, nickte Inci auffordernd in Richtung Couch. „Setzen wir uns, hier stören wir nur.“ Burghaus folgte und beide setzten sich. Inci klemmte sich auf das Sofa und nahm neben dem Ehepaar Platz, Burghaus setzte sich auf den Stuhl und saß ihr nun direkt gegenüber. Ihr Blick verriet ein vages Wissen über ihre Wirkung auf diesen Fremden. Aber Burghaus fühlte sich dadurch nicht unsicher, wie es sonst seine Art gewesen wäre. „Ich bin total verrückt. Was ist nur los mit mir?“, fragte er sich eher halbherzig.

Der Hausherr brachte Bier und Gläser. „Chuc su khoe!“, wünschte er laut und alle tranken einen kräftigen Schluck. Burghaus war dann doch über den gut vernehmlichen Rülpser Nguyens erstaunt, aber außer ihm schien das keiner zu bemerken.

„Das sind mein Onkel und meine Tante.“ Nguyen deutete mit dem Kopf respektvoll auf das Ehepaar auf dem Sofa. „Sie sind zu Besuch und sprechen leider kein Deutsch. Sie stammen aus Dalat“, erklärte der Neffe weiter. Burghaus musste nun wirklich lachen, die Welt war klein. Als er die fragenden Gesichter der anderen sah, erklärte er: „Ich habe einen Bekannten in Dalat. Er schickt mir öfters ‚Café Chon‘, den es nur dort in einem Klosterladen gibt. Ich trinke fast nur diesen Kaffee oder ‚Sang Tao‘.“

Nguyen konnte nicht schnell genug übersetzen, das Eis war gebrochen. Man erzählte von Ländern und Leuten, vor allem über verschiedene Speisen und deren Besonderheiten. Auch Inci beteiligte sich am Gespräch. Sie hatte eine angenehme, warme und rauchige Stimme.

Man trank ‚Bia Saigon 333‘, statt mit Hopfen wurde es mit Reis gebraut und schmeckte vorzüglich. Wenig später kamen Mai und Nga, die Frau Nguyens, sowie die zwei kleinen Kinder dazu. Der Tisch wurde gedeckt. Zuerst gab es Pho, vietnamesische Suppe, in hohen Schüsseln. Reisnudeln, Kräuter, Hühnerfleisch und Salatblätter wurden mit einer kochend heißen Fleischbrühe übergossen. Mit Fischsauce und Chilis wurde abgeschmeckt. Es war einfach nur lecker! Burghaus fing an zu schwitzen, auch an den Nasen der Vietnamesen konnte man große Schweißperlen erkennen. Das waren die kleinen Unterschiede: Europäer schwitzen an der Stirn, Asiaten an den Nasen.

Es folgten gebackene Wan Tan und Weißkrautsalat mit Hühnchenfleisch.

Als Inci über den Tisch griff, um sich den Pfefferstreuer zu holen, ihn aber nicht ganz erreichen konnte, drückte Burghaus ihn ihr in ihre zierliche Hand. Sie sah ihn nur an, vielleicht war auch Dankbarkeit in ihrem prüfenden Blick. Und wieder war er elektrisiert. Einen Augenblick lang hatte er ihre schmalen langen Finger länger berührt als nötig gewesen wäre, sein Herz zog sich unendlich grausam zusammen. Er musste ihre Hände mustern, die nun auf dem Tisch lagen. Sie waren wie ihre gesamte Haut tiefbraun, matt glänzende makellose Fingernägel wirkten harmonisch und unterstrichen ihre Natürlichkeit. Diese Hände konnten Vertrauen einflößen und sie waren sehr warm und trocken gewesen. Burghaus spürte einen Anspruch auf diese Frau, als müsse sie sein plötzliches Verliebtsein erwidern. Gab es auf der Welt noch andere Frauen außer ihr? Sie war so warm, so erfüllend, so schlicht und einfach alles für ihn in diesem Augenblick.

‚Entweder stehe ich unter Drogen oder bin total übermüdet!‘, versuchte er sich seine Gefühle zu erklären.

Nguyen und seine Frau brachten neue Gläser und „Luc Moi“, vietnamesischen Wodka, natürlich aus Reis gebrannt und mit stolzen fünfundvierzig Prozent. Mai und die Tante tranken nichts, aber Nguyen, der Onkel, Inci und Burghaus beließen es nicht bei einem Glas.

Es wurde gelacht und erzählt, man erfuhr einiges über die jeweils andere Kultur und deren Sitten. Nur wenn es um den Job ging, hielt sich Burghaus bedeckt und antwortete nur allgemein.

Der Abend war lebendig, durcheinander, ein sprachliches Wirrwarr und doch erfrischend anders. Er hatte so gar nichts mit einem besinnlichen Rotweingenuss auf einer stillen Terrasse gemein. Und doch war es ein schöner Abend, eine Begegnung mit aufrichtigen Menschen, die ihre Schwächen zeigten und doch ihren Stolz hatten.

Während zu später Stunde eine angeregte Unterhaltung in vietnamesischer Sprache geführt wurde, wandte sich Burghaus Mut fassend an Inci. „Inci, darf ich dich etwas fragen?“ „Das hast du gerade schon“, lächelte sie unergründlich zurück. „Ja, natürlich, dumm von mir“, war Burghaus leicht irritiert, fuhr aber dann fort: „Woher kommst du ursprünglich? Du scheinst ja kein Vietnamese zu sein.“ Inci sprach trotz des konsumierten Alkohols deutlich artikuliert und mit ruhiger rauchiger Stimme: „Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern waren Kurden und sind damals nach Deutschland ausgewandert.“ Burghaus entnahm ihren Worten, dass die Eltern wohl nicht mehr lebten, wollte aber nicht nachhaken.

„Ich welchem Viertel der Stadt wohnst du? Ich frage nur, weil du vielleicht mit Mai und mir im Taxi heimfahren könntest.“

„Du weißt, wo Tabea wohnt? Meine Wohnung ist eine Querstraße davon entfernt.“ Die Adresse gab Inci nicht preis, wozu auch?

„Dann können wir zu Dritt ein Taxi benutzen!“, legte Burghaus fest und Inci widersprach nicht.

Nguyen und sein Onkel waren dann doch schon eindeutig berauscht, Inci hatte nichts mehr getrunken, aber Burghaus hatte mitgehalten und verspürte nun auch die Wirkung des Alkohols. Er wurde immer stiller, sprach nur selten und spielte mit seinen Händen. Den in Vietnamesisch geführten Gesprächen versuchte er gar nicht mehr zu folgen. Er schielte zu Inci und wunderte sich über seine anfänglichen Gefühle. Entweder hatte ihn der konsumierte „Luc Moi“ abstumpfen lassen oder er hatte sich an den Pheromonausstoß Incis gewöhnt. Zumindest konnte er sie jetzt ansehen ohne Schmetterlinge im Bauch zu fühlen. Stattdessen erschien ihm plötzlich Mai als Inbegriff aller Schönheit. Sein Kontroll-Burghaus im Innern machte darauf aufmerksam, dass sich Diazepam und Alkohol in einer Weise beeinflussten, die sich schwer vorhersehen, geschweige denn steuern ließen. Dazu vietnamesische Musik und fremdartige Laute- es wurde Zeit, zu gehen. Zeit, zur Ruhe zu kommen. Nein, das war nicht seine Welt. Plötzlich empfand er ein tiefes Mitgefühl mit Tabea. Sicherlich ging es ihr ähnlich und sie sehnte sich nach Ruhe und einer Sprache, die sie verstand. Das erste Mal in einer fremden Kultur war immer schwer. Erst später würde es anziehender und interessanter werden.

Nachdem sich alle verabschiedet hatten, legten Inci, Mai und Burghaus wieder den langen Weg durchs Treppenhaus zurück. Burghaus hatte mit seinem Handy das Taxi gerufen, es würde aber noch etwas dauern, meinte eine müde Angestellte in der Zentrale.

Unten angekommen, schlug ihnen frische, kühle Luft entgegen und verstärkte die Wirkung des Alkohols. Doch Burghaus konnte sich nach außen hin beherrschen, niemand sah ihm etwas an. Inci war ebenfalls nichts anzumerken, nur ihre Augen funkelten jetzt ungezügelter und nicht mehr so diskret. Mai hatte kaum Alkohol getrunken, trotzdem merkte man ihr an, dass sie ziemlich aufgekratzt war. Burghaus vermerkte innerlich, dass sie nicht viel vertragen konnte.

„Es ist ein Glück, dass morgen Sonntag ist“, bemerkte Inci, „arbeiten könnte ich morgen früh nicht!“

„Da hast du Recht! Und ich bin so satt wie schon lange nicht mehr! Ich werde morgen bis mittags schlafen, Frühstück fällt aus!“ Mai prustete und zeigte damit, wie satt sie war.

Als Burghaus nichts sagte, fragte ihn Inci: „Und du, Rainer? Was machst du morgen?“

Burghaus sah sie an, die Straßenlaterne beleuchtete ihr Gesicht, sie hatte die Hände im langen Mantel vergraben. Aufpeitschende Gefühle im Innern ließen Burghaus erneut Empfindungen zu dieser Frau fühlen, die mit nichts erklärbar waren. Dieser schwarze Mantel! Diese frauliche, schutzbedürftige Person darunter! Diese Wärme und Vertrautheit trotz Fremde! Wie konnte es so etwas geben? Er hatte doch keine Ahnung von Incis Leben, er wusste sehr wenig über sie! Und doch diese bedingungslosen Gefühle ihr gegenüber!

Hatte er wirklich zu viel getrunken? Er, der Introvertierte, der Schweigsame, der Schüchterne, sagte etwas, was er nie rational begründen würde können: „Ich möchte nur kurz deine Hände halten. Darf ich?“

Inci war zu überrascht, mit einer automatischen Bewegung zog sie ihre beiden Hände aus den tiefen Manteltaschen und hielt sie ihm wortlos entgegen.

Burghaus drückte sie  zusammen, führte sie an sich heran, betrachtete sie und streichelte ihr mit der linken Hand über ihren Handrücken, während seine Rechte sie fest umschloss. Nur beiläufig bemerkte er, dass sie keinerlei Ring trug. Aber das interessierte ihn jetzt auch nicht weiter.

„Du hast wunderschöne Hände. Entschuldige. Denke dir bitte nichts dabei. Ich bin manchmal ein bisschen- verrückt.“ Das größte Glück auf Erden war für Sekunden ein Teil seines Ichs geworden, ehe er schließlich die heißen schlanken Finger freigab.

Mai rettete die Situation: „Möchtest du meine Hände auch wärmen? Die hätten es nötig!“ Burghaus lachte: „Danke! Aber ich denke, da kommt unser Taxi!“

„Bin ich denn verrückt? Will ich ihre Hände sehen! Haben sie mir Drogen in das Essen getan?“, entsetzte er sich selbst über sich, während er neben dem Taxifahrer saß und die zwei Frauen hinter ihm flüsterten hörte.

Inci stieg zuerst aus, der Außenbezirk der Stadt mit gepflegten Mehrfamilienhäusern würde sie verschlucken. Burghaus verließ ebenfalls das Taxi. Ein Abschied wie selten. Und ohne Aussicht auf Fortsetzungen. „Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, vielleicht sieht man sich ja noch einmal!“ Burghaus wusste, dass in diesem Augenblick bereits die Erinnerung begann. Die hypnotisierende Persönlichkeit Incis, unerklärbar und ungewollt, würde noch nachwirken. Doch die Zeit würde alles vernichten.

Er stieg zu Mai in den Fond und verabschiedete etwas später auch sie, ehe er endlich Richtung Wiesenstraße 13 gefahren wurde.

Eine gute Stunde verging, angefüllt mit nichtigen Tätigkeiten im Haus. Dann kam die Zeit der Ruhe, des Reflektierens, die Zeit, die er sich täglich zum Überleben nehmen musste.

Es tat unendlich weh. Tränen füllten die Augen, Burghaus weinte einfach vor sich hin. Ein süßer und erhabener Schmerz durchdrang ihn ganz und gar. „Where I am, where you are, Love me to the end“ drang es über die Hi-Fi Lautsprecher bis ins tiefste Innere, während seine geschlossenen Augen nochmals die Hände und das Gesicht Incis vor sich sahen. Die kalte Luft strich über seine Haut, die nur unvollständig unter der Flauschdecke verborgen war. Wieder einmal war es fast Vollmond, wieder einmal war die Terrasse ein Zufluchtsort geworden. Wieder einmal stand eine Flasche Rotwein vor ihm, diesmal eine Flasche „Avior Reserva 2010“. Ein Teller Serrano Schinken ergänzte wie gewöhnlich den Genuss spanischer Genüsse, das vietnamesische Essen war bereits verdaut.

Schon war es Sonntag geworden, mochte es zwei oder drei Uhr sein- was bedeutete das? Es gab plötzlich zu viele Menschen, die etwas Besonderes zu sein schienen, die sympathisch waren, die es wert waren, eine Stellung in seinem Leben einzunehmen. Tabea, Melissa, Mai, Inci- hatte er schon Melissa erwähnt? Wo waren Freunde, Männer, geblieben? Was war mit Stehauf? Komischer Typ, nicht unbedingt unsympathisch, aber nie ein Freund. Tabea- so weit weg, so viele Gedanken, so viele Gedanken auch an Melissa. Beide gehörten irgendwie zusammen. Beste Freundinnen! Sie bildeten irgendwie ein Ganzes, eine geschlossene Einheit, benötigten ihn nicht! Plötzlich beruhigt über das Schicksal der beiden Urlauberinnen, sah er abermals Inci vor sich und wärmte das ursprünglich Empfundene für sie erneut auf. Was war los mit ihm? Warum diese Gefühle? Warum dieses unbändige Krabbeln und Kribbeln im Bauch? Er wusste über die Kurzlebigkeit und Unbegründetheit dieser Emotionen, umso intensiver konnte er sie wirken lassen. War er betrunken? Wenn, dann sicher nicht vom Alkohol, eher schon von seinen Empfindungen.

Übermüdet räumte er den restlichen Wein und Schinken in den Kühlschrank, schloss die Tür zur Terrasse und schaffte gerade noch seine Abendtoilette.

Danach fiel Burghaus wie tot in sein Bett und kämpfte wieder einmal- wenn auch nur kurz- gegen das panische Gefühl an, welches ihm das Einschlafen bereitete: ein kleiner Tod, machtlos, keine Kontrolle, überlassen an etwas, was über ihn herrschen würde für einige Stunden. Mit geschlossenen Augen lag er da, doch sein Gehirn sah, wie zärtliche Hände sein Gesicht umschlossen. Es waren schöne Hände, feingliedrige Finger, doch voller Kraft. Zu welchem Gesicht gehörten Sie? Das konnte er nicht erkennen. Er sah nur den Ring an der rechten Hand, als diese sich kurz löste, um ihn übers Haar zu streichen: es war ein Ring mit in sich verschlungenen Schleifen. Ihm wurde warm, er fühlte sich plötzlich ganz schuldlos, ganz rein, ganz edel. Jetzt fielen auch die inneren Augenlider zu, der Schlaf kam mit seinen Traumboten und bezwang Burghaus.

 

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