Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke, 21.11.1898, Berlin-Wilmersdorf

Manchmal

Manchmal

Traurig schauernd schneiden Klänge durch den Äther,
legen wie Ölstaub schmierend auf die Seele sich.
Melodien fiebernder Lieger saugen
manchmal alles Leben auf.
Manchmal bricht der Blick des Alten
und widerspiegelt, was sinnlos war im Leben.
Manchmal und immer öfters: eisiger Atem
umschließt und presst heraus die Hoffnung.
Umfasst Verstand und Gefühl wie die Krake ihr Opfer.
Es gehen die Vertrauten oder sind schon fort,
das Schöne der Welt mit sich nehmend.
Manchmal muss der Schmerz unendlich sein.
Manchmal ist er nicht zu tragen.
Manchmal stirbt man.
Manchmal Hoffnung.
Manchmal.

©Michael Kalters

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Tragödie in Moll -Komposition ohne Noten

Tragödie in Moll

Komposition ohne Noten

 

Weit, weit und sehr tief, dunkel dehnt sich ein schwarzes Gewässer. Der Mond spiegelt sich nicht darin. Verborgene Ruhe, einschläfernd und betäubend.

Moll!

Ein Stich, ein schmerzendes Geräusch im Ohr. Vogelstimmen!

S-Dur!

Strahlende Akkorde erhellen den Himmel, das Pech fließt von der blauen Leinwand. Gelbe Sterne, glasklar werden sie sichtbar. Der Wind säuselt. Doch schon ziehen Wolken auf. Sie verdecken die silbergraue Mondscheibe, das blaue Tuch wird plötzlich schwarze Nacht.

B-Moll, triumphal.

Nebelschwaden ziehen vorbei und berühren die Oberfläche des Wassers. Die Luft wird feucht und kühl. Betäubender, moosartiger Geruch dringt von den Ufern des Wassers herüber.

Moll! Adagio.

Der erste Morgenstrahl der roten Sonne berührt die Landschaft.

Dur-lebhaft!

Rot- alles ist rot. Die Wiesen, Baumgruppen, das Moor, der Nebel- alles mit roter, grell leuchtender Farbe übergossen!

C_Dur! Der Tag, der helle Tag bricht an. Alles erwacht, Akkord, strahlend!

Langsam verzieht sich der nebel-Adagio-langsam. Da erfüllt ein Brüllen die Luft, jäh, ohrenbetäubend, ein Knall, ein Blitz, ein Durcheinander an Tönen und Farbreflexen. Da! Ein Baum vom Blitz gefällt!

Moll, Hauptthema, Allegro, stürmisch laut!

Brüllen überall, jähe Verdunklung der sehnlichst erwarteten Sonnenstrahlen. Feuchte Kälte, Regenschauer- ein märchenhaftes, schauerliches Morgengewitter.

Moll. Keine Aussicht auf Besserung. Das Gras ist niedergepeitscht. Breite, massive Verzweiflung, ein letzter Sonnenstrahl, dann greifbares Dunkel.

Moll! Schwarze Luft. Moll, Moll, triumphales Moll!

@Michael Kalters 2016

(@inspiriert von Tschaikowskis 4.Sinfonie)

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Herbst

Fand heute das Gedicht von Rainer Maria Rilke und muss es einfach hier mal zitieren:

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Aus: Das Buch der Bilder

herbst

Zu spät

Bin heute einer schönen Frau begegnet.
nein, nicht schön. Vollkommen!
Wie ist jener Mensch gesegnet
der sie in den Arm genommen.

Nicht vollkommen, nur Fleisch und Blut.
Aus Lehm und Wasser wie ich auch.
Entfachend aber aus der Asche Glut
die letzte Kraft- und dann nur Rauch.

Ihr silber-sonnig-lachendes Gemüt
und ihre tiefe schwarze Seele-
Ein Abgrund, der mich zieht
als ob ich nur ein Tropfen Wasser wäre.

Sie ist schön, wie sie berührt
und warm umschließt als Wesen sacht
das Innere und so verführt
mein Herz und es zerbrechlich macht.

Es reißt und malmt mir tausend Wunden,
oft hat ein Dichter es beschrieben.
Nun, jetzt werd‘ auch ich geschunden,
und es ist mir nichts geblieben.

Schönes Leben? Freude und Genuss?
Gefangen ohne Blick!
Nur noch Verdruss
und kein Zurück!

Zu spät! Die Lebensbahn am Ende schon
hat alle Ziele weggenommen.
Die Frau zu treffen ist nur Hohn!
Asche mein Leben und zerronnen.

„Sah ihn heute, diesen Mann.
Schaut so traurig, blickt so warm.
Möcht ihn in die Arme nehmen
und mein Herz an seins gewöhnen!“

@Michael Kalters 2016

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Ein Blick vorm Schlafengehen

Draußen fallen Flocken sacht,
schweben unaufdringlich leicht
in die rabenschwarze Nacht
und erfreun auch dich vielleicht.

Ich seh‘ sie durch gefror’ne Scheiben.
In meinem Zimmer schlägt die Uhr.
Ich möcht‘ so gern noch munter bleiben,
doch ist es auch ein Wünschen nur.

Denn Müdigkeit fährt in die Glieder.
Lebe wohl, du Welt, ade!
Bis ich morgen frühe wieder
erfrischt an meine Arbeit geh‘!

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